Ernährung und Dysphagie in der Pflege | BFG Baselland

Mangelernährung ist ein unterschätztes Problem im Gesundheitswesen: In Schweizer Spitälern sind 20-30% der Patientinnen und Patienten davon betroffen, in Pflegeheimen bis zu 50%. Schluckstörungen (Dysphagie) erhöhen das Risiko für Mangelernährung und Aspirationspneumonie erheblich. Als Pflegefachperson spielst du eine zentrale Rolle bei der Früherkennung und Intervention.

Frühzeitiges Erkennen von Mangelernährung ist entscheidend. Die ESPEN (European Society for Clinical Nutrition and Metabolism) empfiehlt ein Screening aller hospitalisierten Patienten innerhalb von 24-48 Stunden nach Aufnahme.

Nutritional Risk Screening für hospitalisierte Patienten. Von ESPEN empfohlen.

Malnutrition Universal Screening Tool. Schnell und einfach durchführbar.

Mini Nutritional Assessment Short Form. Speziell für geriatrische Patienten.

Score 0-2: Tiefes Risiko, wöchentliche Kontrolle. Score 3: Risiko, Ernährungsberatung einleiten. Score 4-5: Hohes Risiko, sofortige Intervention und Ernährungstherapie.

Dysphagie bezeichnet Schluckstörungen, die das sichere Schlucken von Speichel, Flüssigkeiten oder fester Nahrung beeinträchtigen. In der Schweiz sind etwa 5% der Gesamtbevölkerung betroffen, bei über 65-Jährigen etwa 14% und bei Pflegeheimbewohnern über 50%.

Der Schluckvorgang ist ein komplexer Prozess mit über 50 beteiligten Muskeln und wird in vier Phasen eingeteilt:

Nahrungsaufnahme, Kauen, Einspeicheln und Bolusformung. Willkürlich gesteuert. Dauer variabel je nach Konsistenz.

Transport des Bolus nach hinten Richtung Rachen durch Zungenbewegung. Willkürlich, Dauer ca. 1 Sekunde.

Reflexgesteuerte Phase: Gaumensegel schliesst Nasenraum ab, Kehlkopf hebt sich, Stimmritze schliesst, Atemwege geschützt. Dauer ca. 1 Sekunde.

Peristaltischer Transport durch die Speiseröhre in den Magen. Unwillkürlich, Dauer 8-20 Sekunden.

Bis zu 50% der Aspirationen verlaufen «still», d.h. ohne Husten oder andere offensichtliche Zeichen. Besonders gefährdet sind Patienten mit Schlaganfall, Demenz oder reduzierter Vigilanz. Regelmässiges Screening ist daher unerlässlich.

Der Gugging Swallowing Screen (GUSS) ist ein validiertes Screening-Instrument, das auch von Pflegefachpersonen durchgeführt werden kann. Er wurde speziell für Schlaganfallpatienten entwickelt, eignet sich aber auch für andere Patientengruppen.

Die FEES (Fiberoptisch-Endoskopische Evaluation des Schluckens) ist der Goldstandard zur instrumentellen Dysphagie-Diagnostik in der Schweiz. Sie wird durch Fachärzte oder spezialisierte Logopädinnen durchgeführt und ermöglicht die direkte Visualisierung des Schluckakts.

Je nach Schluckfähigkeit und Verdauungsfunktion stehen verschiedene Ernährungsformen zur Verfügung:

Normale Kost, adaptierte Konsistenzen, Trinknahrung (Supplements)

Über Magen-Darm-Trakt via Sonde (nasogastral, PEG, PEJ)

Intravenös, unter Umgehung des GI-Trakts

Die Internationale Dysphagie-Diät-Standardisierung (IDDSI) definiert einheitliche Stufen für Nahrungskonsistenzen und Flüssigkeiten:

Wenn die orale Nahrungsaufnahme nicht ausreicht oder zu gefährlich ist, erfolgt die Ernährung über eine Sonde. Die Wahl der Sonde hängt von der voraussichtlichen Dauer und dem klinischen Zustand ab.

Über Nase in den Magen. Einfache Anlage, aber Irritation möglich.

Über Nase bis ins Jejunum. Bei Reflux oder Aspirationsrisiko.

Perkutane endoskopische Gastrostomie. Direkt durch Bauchdecke in Magen.

Jejunale Sonde. Bei Magenentleerungsstörung oder hohem Aspirationsrisiko.

Bei Wiederaufnahme der Ernährung nach längerer Nahrungskarenz (>5 Tage) oder bei stark mangelernährten Patienten kann es zu gefährlichen Elektrolytverschiebungen kommen (v.a. Hypophosphatämie). Langsamer Nahrungsaufbau und engmaschige Laborkontrolle sind essenziell.

Die Logopädin ist die Spezialistin für Schluckdiagnostik und -therapie. Sie führt die klinische Schluckuntersuchung durch, empfiehlt geeignete Kostformen und trainiert kompensatorische Schlucktechniken. Eine enge Zusammenarbeit ist für den Behandlungserfolg entscheidend.

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Dysphagie-Screening: Der GUSS

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NRS 2002

MUST

MNA-SF

Orale Vorbereitungsphase

Orale Transportphase

Pharyngeale Phase

Ösophageale Phase

Orale Ernährung

Enterale Ernährung

Parenterale Ernährung

Nasogastrische Sonde

Nasojejunale Sonde

PEG

PEJ / JET-PEG

  • Geriatrische Patienten: Appetitlosigkeit, Kau- und Schluckprobleme, Polypharmazie
  • Onkologische Patienten: Tumorbedingte Kachexie, Therapienebenwirkungen
  • Neurologische Patienten: Schlaganfall, Demenz, M. Parkinson
  • Patienten mit chronischen Erkrankungen: COPD, Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz
  • Perioperative Patienten: Erhöhter Bedarf, Nüchternheitszeiten
  • Husten oder Würgen während oder nach dem Essen/Trinken
  • Feuchte, gurgelnde Stimme nach dem Schlucken
  • Nahrungsreste im Mund nach dem Schlucken
  • Häufiges Räuspern während der Mahlzeit
  • Auslaufen von Nahrung oder Flüssigkeit aus Mund oder Nase
  • Unklare Fieberschübe (stille Aspiration!)
  • Gewichtsverlust, Dehydratation
  • Stufe 0: Dünnflüssig (Wasser, Tee, Kaffee)
  • Stufe 1: Leicht angedickt (nectar-like)
  • Stufe 2: Mässig angedickt (honey-like)
  • Stufe 3: Stark angedickt / Liquidiert
  • Stufe 4: Püriert
  • Stufe 5: Gehackt und feucht
  • Stufe 6: Weich und mundgerecht
  • Stufe 7: Normale Kost
  • Sondenlage vor jeder Applikation kontrollieren (Aspiration, pH-Messung bei Magensonde)
  • Oberkörperhochlagerung 30-45° während und 30-60 Min. nach Applikation
  • Regelmässige Mundpflege, auch wenn keine orale Nahrungsaufnahme
  • Sonde mit 20-30 ml Wasser vor und nach Medikamentengabe spülen
  • Magenrest kontrollieren bei gastraler Sonde (Richtwert: <200-500 ml)
  • PEG-Einstichstelle täglich inspizieren (Rötung, Sekret, Granulation)
  • Sondensystem täglich wechseln, Behälter alle 24 Stunden ersetzen
  • Dokumentation: Menge, Zeit, Verträglichkeit, Komplikationen
  • Aufrechte Position: Oberkörper 90°, Kopf leicht nach vorne geneigt
  • Ruhige Umgebung: Ablenkung vermeiden, nicht sprechen während des Essens
  • Kleine Portionen: Teelöffelweise, zwischen den Bissen absetzen
  • Genug Zeit: Nicht hetzen, Pausen erlauben
  • Nachschlucken: Mehrfaches Schlucken eines Bissens anleiten
  • Temperatur: Warme oder kalte Speisen triggern den Schluckreflex besser als lauwarme
  • Hilfsmittel: Angepasstes Geschirr, Spezialbecher, Strohhalme nur nach Verordnung
  • Mundinspektion auf Nahrungsreste
  • 30 Minuten aufrecht sitzen lassen
  • Dokumentation der Nahrungsmenge und Verträglichkeit
  • Auf verzögerte Aspirationszeichen achten
  1. Voruntersuchung: Vigilanz, Husten, Speichelschluck, Stimmqualität
  2. Direkter Schluckversuch: Schrittweise mit breiiger Kost, Flüssigkeit und fester Nahrung
GUSS-Score Schweregrad Empfehlung
20 Punkte Keine Dysphagie Normale Kost, regelmässige Beobachtung
15-19 Punkte Leichte Dysphagie Weiche Kost, Flüssigkeiten schluckweise, Logopädie-Konsil
10-14 Punkte Mittlere Dysphagie Pürierte Kost, angedickte Flüssigkeiten, FEES/Videofluoroskopie
0-9 Punkte Schwere Dysphagie NPO (nil per os), alternative Ernährung, FEES obligat

Kriterien:Kriterien:Kriterien:

Dauer: bis 4-6 WochenDauer: bis 4-6 WochenDauer: Langzeit (Monate/Jahre)Dauer: Langzeit